KulturSommer 2013 - Baltischer Sommer

Eliza Ceske, Ausma Smite   LONELY MAN FROM BALTICS

Einführung Laine Aizupe

Das heutige Lettland wurde seit dem 13.Jahrhundert von unterschiedlichen Mächten fremdbeherrscht. Die Letten waren über 700 Jahre lang politisch und wirtschaftlich nicht die Herren  über ihr Land, blieben deshalb tief mit der Natur und dem uralten Glauben verbunden. Der Naturglaube, anderorts lange in Vergessenheit geraten und heutzutage nur in historischen Materialen zu finden, blieb erhalten und gab den Menschen Halt, Kraft und Hoffnung. Somit ist die Identität der Letten fest mit der Natur, mit der Landschaft, den uralten Bräuchen und Volksliedern verschmolzen. Die Dreifaltigkeit aus Natur, Mythen und Beziehungen zu Mitmenschen bildet zusammen die traditionelle Weltauffassung der Letten.

Ein fester Bestandteil des nachwievor präsenten Naturglaubens ist der Wald. Anders als im Christentum ist der Wald in der heidnischen Tradition ein heiliger Ort. Als der Livländische Orden im frühen 13. Jahrhundert den Westbaltischen Volksstamm der Prußen erobert hat, haben sie in der Vereinbarung versprochen, solche Kirchen zu bauen, in denen die Seele der Menschen mindestens genau so beschwingt wird wie im Wald. In Lettland bedeutet der Wald noch heute einen Ort,  der den Körper und die Seele heilt und stärkt, der inspiriert und lehrt. Er lehrt vor allem die Vergangenheit zu ehren und an die Zukunft zu denken. Sich als ein Teil des Größeren zu betrachten.

Die Letten sind stolz auf die hohen Kiefer- und Tannenwälder, auf die weißen Hursten und Eichenhaine. Die Bäume sind oft in den Volksliedern zu finden und personifizieren die ganze Familie. Die Eiche steht für den Vater, der Apfelbaum  für die Mutter.  Die Linden sind die Schwestern und die Birken und Weiden sind  die Brüder. Oft wird der Mutter-Forst um einen Segen gebeten. Die Vorstellung von dem Wald als liebevolle, schützende Mutter prägt auch die heutige Wechselwirkung zwischen dem Volk und seinen Wäldern.

Die Hälfte des Landes ist mit Wald bedeckt.  Wenn man im Sommer oder im frühen Herbst eine Landstraße entlangfährt, sieht man unzählige Autos. Die Leute sind ausgestiegen um Wildpilze, Beeren oder Kräuter zu sammeln.  Oft entscheidet man spontan, während des Vorbeifahrens, sich den Leuten im Wald anzuschließen. Doch noch öfter fährt man erst nach Hause und geht dann in "den eigenen" Wald und dort, im eigenen Wald,  sucht man nach Pilzen, Beeren, Ruhe und Kraft. Es ist erstaunlich wie viele Menschen in verschiedenen Wäldern einen kleinen Kreis finden, wo sie fühlen, dass er nur ihnen gehört. Meine Mutter hat mehrere solche Orte. In jeder Stadt, wo sie gewohnt hat, ist sie zuerst in den Wald gegangen und hat nach ihrem "Wald-Ort" gesucht. Erst als sie den gefunden hatte, war sie wirklich zu Hause.

Vermutlich ist der omnipräsente Wald mitverantwortlich für die lebendigen Volkstraditionen in Lettland. In den Wäldern sind auch mythologische Tiere heimisch. Das sind Chimären und können gleichzeitig verschiedene Tiere und Mensch sein. Der Protagonist des lettischen Nationalepos ist der Lacplesis - der Bärenreißer. Diese Gestalt basiert auf einer alten Volkssage über den Sohn einer Bärin und eines menschlichen Waldbewohners. Im Epos kämpft Lacplesis gegen die Hexe Spidala, die mit dem Teufel im Bund steht, und gegen Kangars, den tückischen, geld-  und machtgierigen Herrscher. Beide wollen die lettischen Naturgötter durch den christlichen Glauben ersetzen. Das Epos endet mit einem ewigen Kampf zwischen Lacplesis und dem Schwarzen Ritter auf dem Flussboden von Daugava. Die Legende besagt, dass das Land erst dann wirklich frei wird, wenn der Lacplesis den Naturglauben gerettet hat und aus dem Fluss herauskommt.

Der Lonely Man entsteht nicht nur aus solchen Mythen, vielmehr ist er ein Teil des intrinsischen Naturverständnisses. Genau wie Lacplesis ist er halb Mensch, halb Tier. Wenn man ihn anschaut, ist nicht ganz klar, ob es ein menschlich wirkendes Tier ist  oder umgekehrt. Doch im Wald ist es auch irrelevant. Der Mensch wird mehr zur Natur und die Tiere, die anderen, die von der Stadt aus so fremd und bedrohlich wirken, kommen näher. Der Lonely Man irrt durch die Landschaften mit einer klaren Botschaft: die Natur, das sind wir. Wir können das verdrängen, indem wir Städte bauen, uns von der Wildnis abschotten und so tun, als ob wir sui generis Geschöpfe wären. Doch wenn man diese künstlich erschaffenen Räume entfernt, wird der Mensch selbst ganz schnell wieder zum Wilden. In anderen Worten - wir tragen alle einen Lonely Man in uns. Und es tut der Seele gut, mit diesem Geschöpf Frieden zu schließen.

Es ist daher fast selbstverständlich, dass die ersten und das letzte Bild einen Wald darstellen. Der Lonely Man ist im Wald heimisch. Er erkundet zwar auch andere Landschaften, doch er kehrt immer zurück. Ausmas Bilder zeigen weniger die Landschaft, die man tatsächlich sieht, sie erlauben Blicke auf die inneren Landschaften zu werfen. Es sind Landschaften, die man schon tausendmal gesehen hat, die man verinnerlicht hat, in denen man zuhause ist.

Wenn man aus dem Wald, kommt sieht man Felder und Seen. Der Nebel weckt Assoziationen an einen frühen Morgen im Sommer. Es handelt sich nicht um Abbildungen einer regionalen Wirklichkeit. Alle Bilder sind skizzenhaft, unscharf und erlauben dem Betrachter seiner Fantasie und Landschaftserfahrung nachzuhängen.

Die Heufelder stehen symbolisch für die Mittsommerkräuter, die für das Fest auf den Wiesen gesammelt werden. Damit werden die Häuser und Mitmenschen geschmückt. Frauen flechten Blumenkränze für sich und Eichenblattkränze für die Männer. Auf den Hügeln, an den Seen und an der Meeresküste werden rituale Feuer gezündet, die man überspringen soll, damit die bösen Geister vertrieben werden.

Eliza Ceske hat den Lonely Man zum Leben erweckt, indem sie ihm ein Kleid gestrickt und genäht hat. Ein Märchenmotiv. Mit sparsamsten Mitteln hat sie eine Landschaft im Raum entwickelt, wobei die vorhandenen Säulen schon als Wald gelesen werden können. Vielleicht der Grund, warum es den Lonely Man hierher gelockt hat. In der Abfolge der projizierten Bilder sehen wir Dank der aufmerksamen Fotografin Inga Paulsen aus Böklund den Lonely Man durch die Belliger Auwiesen streifen und dann steht er plötzlich in diesem Raum-Wald.  Die Heuwiesen geben ihm jetzt einen Rahmen. Ausmas Bilder erwecken zusammen mit dem Heuduft eine Erinnerung an Landschaftserlebnisse, wie sie wohl schon lange vor unserer historischen Zeiterfassung  von Menschen gemacht wurden. Die konkrete, zeitgenössische lettische Landschaft, durch die der Lonely Man natürlich auch gestreift ist, wird in einem Guckkasten versteckt gezeigt.   

Und jetzt ist jeder Besucher aufgerufen, sich auf einen Waldspaziergang zu begeben, Mittsommerfeste lebendig werden zu lassen, Kräuter- und Pilzsammelgeschichten zu erzählen und sich einsame Spaziergänge am Meer vorzustellen. Dabei wünsche ich viel Vergnügen.