Vorwort

Matthias Claudius hat sie geschrieben: „Briefe an Andres“, irgendwann in den siebzehnhundertsiebziger Jahren. Davon wissen nicht gerade viele. Um so mehr kennen das Lied „Der Mond ist aufgegangen“. 

Ich glaube, durch Matthias Claudius lässt sich etwas über Glück durch Zugewandtheit lernen und über die Liebe zum schlichten Vertrauen.

Als Zeitgenosse von Goethe, Lessing, Kloppstock, Herder und vielen Anderen mehr gibt er das Bild des Alltags als Glaubensbekenntnis. Natur und Herz stehen allen Menschen offen.

Lieber Anders,

es ist das erste Mal, dass ich dir schreibe. Mit deinem berühmten Vetter will ich nicht konkurrieren, aber er hat mich auf die Idee gebracht. Seine Briefe an dich sind schon echt alt, aber nichts gegen den Mond. 

Da wir in gewisser Weise ähnlich verwandt sind, magst du es annehmen, nun von mir zu hören, wie es steht unter demselben. Dem Mond und den weißen Nebeln, dem schwarzen Wald. Wir singen ihrem Schweigen immer noch sein Lied. Und weil das so ist, bin ich mir sicher, dass wir vom Schatten der Erde Gewissheit bekommen über uns und über die Sonne, die auch nachts scheint. 

So geht das immer noch: Im Mond sitzen und lachen, im Mond sitzen und weinen. Wenn der Mond aber rund ist, hat er alle verschlungen, die auf ihm sitzen geblieben sind. 

P.S.

ja, ich weiß, er hat dich Andres genannt. Das war näher an ihm dran. Für mich bist du weiter weg. Das Andere können wir uns zurechtbiegen. Der Andere hat seine eigene Wahrheit.

Anders kann man sich vorstellen zu sein. Andres ist immer fremd.

Wie bitte? Echt, alles ist immer anders. Am Mond kann man sich festhalten.

Versuchs mal und bleib wer du bist.

A.

Lieber Anders,

heute fragst du mich, was denn anders ist, wenn ich mich am Mond festhalte, ohne je eine echte Nachtigall gesehen zu haben. Die Welt im Tageslicht sehen meinst du sei wichtig. Ja, das ist was Feines, die Lerche, die hoch im Himmel jubilieren kann. Oder die Möwen, die wegen der Fische ins Meer tauchen und wegen der Würmer hinter dem Pflug her sind. Handfest sind die.

Der andere Herzschlag? Der Mond hat seinen eigenen Weg um die Erde. Der Mond schwindet im Schatten der Erde, aber er frisst den Himmel nicht auf mit seinem Licht.

Mit Grüßen von hinterm Mond

A.

Lieber Anders,

Siehst du, das habe ich vom Mond gelernt, wechselhaft sein und anders. Sonst habe ich nicht so viel gelernt, jedenfalls nichts Nützliches. Es gibt auch nicht viel zu erzählen von dem Land hinterm Mond. 

Kürzlich habe ich ein Buch gelesen, kein ganz neues Buch, aber ein junges Buch, am Mond gemessen sogar sehr, sehr jung. Am Menschen gemessen auch, etwa zehn Jahre alt. Das ist, wenn man die andere Schule besucht, nicht mehr die Grundschule jedenfalls. Man kann schon schreiben und lesen. Trotzdem sind noch viele Dinge neu.

Das Buch ist das Leben eines Kritikers. Seine Welt besteht aus Büchern und aus den Schrecken der Welt. Besondere Schrecken zu seiner Zeit, Schrecken aus Deutschland mit Wucht, Wille und Wahn. Dieser Kritiker setzt seine Welt aus den Anderen zusammen, aus der Kunst der Anderen. Ein aufregendes Leben, so nahe an der Unkultur und so nahe an der Kultur. Und er hat viel zu sagen, so und so. Damit kann man eine Meinung bilden. Aber das Wichtigste steht am Ende des Buches: Der Kritiker hat sich nie für den Sonnenuntergang interessiert. Das langweilt ihn. Es hat keine Bedeutung.

Aus der Banalität der Ödnis grüßt dennoch herzlich

A.

Lieber Anders,

Ja, es stimmt, und es ist eine Gemeinsamkeit, sie zeigen sich immer anders, der Mond und die Sonnenuntergänge und sind doch immer dasselbe. Kurzweilig ist anders. Aber die Deutungshoheit. So deutsch, oder?

Obwohl ein Sonnenuntergang ja nie richtig lange dauert. Ein Sonnenaufgang auch nicht. Ein Tag dagegen, oder eine Nacht. Eine Woche. 

Eine Schöpfungswoche ist sicher kürzer als eine Immergleichwoche. Die wäre so zeitlos paradiesisch. Am zeitlosesten ohne Paradies dagegen sind die Sehnsuchtswochen. Die können auf dem Mond siedeln.

Leb wohl

A.

Lieber Anders

Das ist so: Die Stadt hat einen schönen, schnellen, fliegenden Herzschlag. Aber was ist, wenn ich müde werde? In der Natur liebe ich den langen Flügelschlag des Augenblicks, die Ewigkeit des Vergänglichen und das Vergängliche der Ewigkeit. Aber was ist, wenn ich kein Herz mehr schlagen höre? Oder nur noch die anderen Herzen?

Die Wüste, das Meer, das Weltall, sie greifen nicht nach dir, sie sind ohne dich. Die Stadt greift nach dir, und sie spukt dich aus. Die Stadt demütigt dich, auch wenn du in ihr, mit ihr oder gegen sie wütest. Am Ende hast du verloren. In der Natur ist das Scheitern eingebettet. 

Mit dem Fatalen des Dösens grüßt dich

A.

Lieber Anders,

du hast Recht, ich habe dieses Jahr keinen Grund, mir eine schöne Aussicht zu träumen. Es ist schön. So wie ein Objekt schön sein kann. Aber warte, ein Objekt allein macht noch keine Kunst sagt man. Der Kontext zählt. Heute zählt vor allem der Kontext. Objekte sind schon fast so langweilig wie Sonnenuntergänge oder Mondaufgänge. Ein Splitter im All, das ist langweilig, aber ein Splitter im Auge, das ist spannend. Und die Kuratoren erst, zersplitterte Augen was das Zeug hält. Das nenn ich Wertschöpfung.

Lamentotopfische Grüße

A.

Lieber Anders,

du fragst, was ich an die Stelle der Bilder setze. Anders, ich habe dich, um über den Wert zu entscheiden. Wenn du mir treu bleibst, bin ich ein Schöpfer. Handgeschöpfter Schöpfer für den ländlichen Raum. Spaziergänger im Sonnenuntergang und Mondaufgang. Eine lange Weile werde ich dir gehören, damit du der Schöpfer bist, der alles ersetzen kann, auch mit seinen Bildern. Eine kurze Weile werde ich mir gehören, damit ich mich in meine Welt werfen kann, wenn ich vom Laufen erschöpft bin. 

Soweit erstmal

A.